Was ist KIM und wofür nutzen Praxen es?

KIM steht für Kommunikation im Medizinwesen und ist der sichere Nachrichtendienst der Telematikinfrastruktur. Praxen versenden darüber elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, Arztbriefe, Befunde und Abrechnungsdaten Ende-zu-Ende-verschlüsselt an geprüfte Empfänger — ohne Fax und ohne offene E-Mail.

📋 Kurz zusammengefasst

KIM ist seit Juni 2020 im Betrieb und arbeitet technisch wie E-Mail, aber in einem geschlossenen Teilnehmerkreis: Jede Adresse gehört zu einer geprüften Institution, jede Nachricht wird Ende-zu-Ende verschlüsselt. Die gematik zählte zum fünften Betriebsjahr mehr als 600 Millionen versendete Nachrichten und mehr als 160.000 medizinische Einrichtungen mit mindestens einer KIM-Adresse (Stand 30. Juni 2025). Praxen brauchen dafür einen TI-Anschluss, eine SMC-B, ein KIM-Clientmodul und die Anbindung an ihr Praxisverwaltungssystem. Der wichtigste Anwendungsfall ist die eAU, hinzu kommen eArztbrief, Befundübermittlung und Abrechnungswege.

Was ist KIM und wie unterscheidet es sich von normaler E-Mail?

KIM ist ein Fachdienst der Telematikinfrastruktur, der Nachrichten und Anhänge zwischen Praxen, Kliniken, Apotheken, Krankenkassen und weiteren Einrichtungen überträgt. Er nutzt die Standardprotokolle SMTP und POP3, kapselt sie aber in einem geschlossenen Verzeichnis mit geprüften Identitäten und verpflichtender Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern im Teilnehmerverzeichnis. Eine KIM-Adresse bekommt nur, wer sich als Einrichtung des Gesundheitswesens ausgewiesen hat — in der Praxis über den Praxisausweis SMC-B oder den elektronischen Heilberufsausweis. Ein Absender lässt sich damit einer realen Institution zuordnen, was bei freier E-Mail nicht gegeben ist.

Die Verschlüsselung passiert im KIM-Clientmodul auf Praxisseite, nicht erst beim Anbieter. Der Fachdienst transportiert nur Chiffrate und kann den Inhalt nicht lesen. Das unterscheidet KIM auch von verschlüsselten Transportwegen wie TLS, bei denen der Server die Nachricht im Klartext sieht.

Praktisch heisst das: KIM ersetzt das Fax für strukturierte und unstrukturierte Dokumente zwischen bekannten Stellen. Es ersetzt nicht die Aktenanwendungen der TI. Was in die Patientenakte gehört, läuft über die ePA, wie der Beitrag Elektronische Patientenakte: was Praxen konkret tun müssen im Detail beschreibt. Die Grundbegriffe des Netzes fasst der Glossar-Eintrag Telematikinfrastruktur (TI) zusammen, den Dienst selbst der Eintrag KIM (Kommunikation im Medizinwesen).

Wofür nutzen Praxen KIM konkret?

Praxen nutzen KIM vor allem für die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung an die Krankenkassen, für den elektronischen Arztbrief zwischen behandelnden Ärzten, für Befund- und Labordaten sowie für Nachrichten an Kassenärztliche Vereinigungen. Der Versandweg ist in allen Fällen derselbe, nur die Nutzdaten unterscheiden sich.

Die eAU ist der Anwendungsfall mit dem grössten Volumen. Die Praxis erzeugt die Bescheinigung im Praxisverwaltungssystem, signiert sie mit dem elektronischen Heilberufsausweis und versendet sie über KIM an die Krankenkasse des Versicherten. Die gematik nennt den 1. Oktober 2021 als Start der verbindlichen eAU-Übermittlung (Stand 30. Juni 2025).

Der eArztbrief läuft zwischen Praxen und Kliniken und ersetzt den Postweg bei Überweisungen, Entlassbriefen und Mitbehandlung. Er wird als strukturiertes Dokument versendet und lässt sich im empfangenden System der Patientenakte zuordnen, statt als Papier eingescannt zu werden.

Hinzu kommen Nachrichten, die kein eigenes Fachverfahren haben: Laborbefunde von Einsendelaboren, Rückfragen zu Abrechnungen, Terminvereinbarungen mit Kliniken, Dokumente an den Medizinischen Dienst. Die gematik verweist deshalb darauf, dass KIM deutlich mehr abdeckt als die eAU allein — sie zählte zum fünften Betriebsjahr rund fünf Millionen Transaktionen pro Woche (Stand 30. Juni 2025).

💡 Expert Insight

Der Nutzen von KIM hängt weniger am Dienst als an der Integration ins Praxisverwaltungssystem. Wo das PVS KIM-Nachrichten direkt in die Karteikarte schreibt, entfällt das Ausdrucken und Einscannen komplett. Wo das KIM-Clientmodul dagegen als separates Postfach neben dem PVS läuft, entsteht ein zweiter Posteingang, den jemand täglich leeren muss — und damit oft mehr Arbeit als vorher. Diese Frage gehört deshalb in jede Software-Auswahl, nicht erst in die TI-Installation.

Was braucht eine Praxis technisch für KIM?

Eine Praxis braucht vier Bausteine: einen funktionierenden Zugang zur Telematikinfrastruktur, einen Praxisausweis SMC-B zur Institutionsidentifikation, ein KIM-Clientmodul eines zugelassenen Anbieters und eine KIM-Adresse, die im Verzeichnisdienst eingetragen ist. Für signaturpflichtige Dokumente kommt der elektronische Heilberufsausweis hinzu.

Das KIM-Clientmodul ist die Software, die ver- und entschlüsselt sowie Zertifikate prüft. Sie läuft je nach Anbieter auf dem Praxisserver, auf den Arbeitsplätzen oder als Teil einer TI-Gateway-Lösung. Jeder Anbieter muss von der gematik zugelassen sein; die Adressen bleiben beim Anbieterwechsel nicht automatisch erhalten.

Die Anbindung ans Praxisverwaltungssystem entscheidet über den Alltagsnutzen. Nur wenn das PVS die KIM-Schnittstelle unterstützt, landen eingehende Nachrichten direkt beim Patienten in der Kartei. Welche Systeme für welche Praxisgrösse in Frage kommen, zeigt die Verzeichnisübersicht Praxisverwaltung (PVS) für Arztpraxis.

Bei den Kosten gilt: KIM ist kein Gratisdienst, sondern wird über die TI-Pauschale der Krankenkassen refinanziert. Die Preismodelle der Anbieter unterscheiden sich nach Anzahl der Adressen und Postfächer. Welche Positionen bei einem TI-Anschluss zusammenkommen, ordnet Was kostet die Anbindung an die Telematikinfrastruktur? ein.

⚠️ Wichtiger Hinweis

Zertifikate laufen ab. SMC-B und eHBA haben eine begrenzte Gültigkeit, und mit dem Ablauf endet auch die Fähigkeit, KIM-Nachrichten zu entschlüsseln oder zu signieren. Praxen sollten die Ablaufdaten im Kalender führen und die Nachfolgekarte mehrere Wochen vorher beantragen, weil Ausgabe und Freischaltung Zeit brauchen. Ohne gültigen Ausweis steht die eAU still.

Wie läuft der Versand einer eAU über KIM ab?

Die Ärztin stellt die Arbeitsunfähigkeit im Praxisverwaltungssystem fest, das System erzeugt den Datensatz, die Ärztin signiert ihn mit dem elektronischen Heilberufsausweis, und das KIM-Clientmodul verschlüsselt und versendet ihn an die Krankenkasse. Der Patient behält einen Papierausdruck für die eigenen Unterlagen.

Der Versand erzeugt eine Empfangsbestätigung. Kommt sie nicht, gilt die Nachricht nicht als zugestellt, und die Praxis muss den Vorgang wiederholen oder auf den Ersatzweg wechseln. Diese Bestätigungen im Blick zu behalten ist der Kernpunkt der Routine — sie sind der Unterschied zwischen versendet und angekommen.

Fällt die Technik aus, ist ein Ersatzverfahren vorgesehen. Die Bescheinigung wird dann auf Papier ausgestellt. Praxen sollten festlegen, wer den Störungsfall erkennt, wer das Ersatzverfahren auslöst und wann die offenen Vorgänge nachträglich digital versendet werden.

Die Abläufe ähneln denen anderer TI-Anwendungen: Datensatz erzeugen, signieren, übertragen, Bestätigung prüfen. Wie das beim Rezept aussieht, beschreibt Wie funktioniert das E-Rezept in der Praxis?.

Welche Fehler treten in der Praxis am häufigsten auf?

Die häufigsten Probleme sind nicht kryptografischer Natur, sondern organisatorisch: niemand ist für den KIM-Posteingang zuständig, Empfangsbestätigungen werden nicht kontrolliert, Zertifikate laufen unbemerkt ab, und Adressen im Verzeichnisdienst sind veraltet oder doppelt gepflegt.

Ein zweiter Block betrifft die Adressierung. Grosse Einrichtungen haben mehrere KIM-Adressen für verschiedene Abteilungen. Wer an die falsche Adresse sendet, erzeugt keinen Fehler, sondern eine Nachricht, die niemand liest. Vor dem Erstversand an eine neue Gegenstelle lohnt eine kurze Abstimmung, welche Adresse gilt.

Der dritte Block betrifft Anhänge. KIM-Anbieter begrenzen die Nachrichtengrösse. Grosse Bilddateien aus der Radiologie passen nicht in jede Nachricht, und ein abgewiesener Versand fällt erst auf, wenn jemand die Fehlermeldung liest. Für umfangreiche Bilddaten sind andere Wege vorgesehen als KIM.

Schliesslich entsteht Reibung beim Anbieterwechsel. Die KIM-Adresse ist an den Anbieter gebunden. Wer wechselt, informiert seine Gegenstellen aktiv, sonst laufen Zusendungen ins Leere — besonders bei Laboren und Kliniken, die Adressen in eigenen Stammdaten führen.

Wohin entwickelt sich KIM?

Der Gesetzgeber will KIM zum Standard für medizinische Kommunikation machen. Ein Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums für ein Digitalgesetz sieht vor, die Übermittlung medizinischer Daten per Fax schrittweise durch sichere digitale Verfahren zu ersetzen und weitere Einrichtungen einzubeziehen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung berichtete am 18. Juni 2026 über diesen Entwurf. Genannt werden dort Pflegeeinrichtungen, Krankenkassen und der Medizinische Dienst als künftige Teilnehmer. Konkrete Stichtage für Praxen enthielt die Meldung nicht — der Entwurf beschreibt die Richtung, nicht den Fahrplan.

Für die Softwareauswahl heisst das: Die Zahl der Gegenstellen wächst, das Nachrichtenvolumen ebenfalls. Systeme, die KIM nur als angehängtes Postfach behandeln, werden dadurch aufwändiger im Betrieb. Wer ein Praxisverwaltungssystem neu auswählt, sollte die Tiefe der KIM-Integration deshalb ausdrücklich prüfen und nicht als selbstverständlich voraussetzen.

💬 Meine Einschätzung

Die gängige Annahme lautet, KIM sei vor allem ein Thema der eAU. Die Zahlen der gematik sprechen dagegen: Bei rund fünf Millionen Transaktionen pro Woche und mehr als 600 Millionen Nachrichten in fünf Betriebsjahren (Stand 30. Juni 2025) ist der Dienst längst die allgemeine Transportschicht des Gesundheitswesens geworden, auf der Arztbriefe, Befunde und Abrechnungskommunikation gleichermaßen laufen. Wer KIM als Einzelfunktion für eine Pflicht betrachtet, baut sie organisatorisch auch so ein — als Nebenpostfach, das jemand nebenbei leert. Der produktivere Blick ist der umgekehrte: KIM ist der Posteingang der Praxis, und die Frage an jedes Praxisverwaltungssystem lautet, wie tief es diesen Posteingang in die Karteikarte holt.

✓ Das Wichtigste in Kürze

  • KIM ist seit Juni 2020 im Betrieb; die gematik zählte mehr als 600 Millionen Nachrichten zum fünften Betriebsjahr (Stand 30. Juni 2025)
  • Mehr als 160.000 medizinische Einrichtungen haben mindestens eine KIM-Adresse (gematik, Stand 30. Juni 2025)
  • Vier Bausteine sind nötig: TI-Zugang, SMC-B, zugelassenes KIM-Clientmodul, eingetragene KIM-Adresse — für Signaturen zusätzlich der eHBA
  • Die eAU ist der volumenstärkste Anwendungsfall; die gematik nennt den 1. Oktober 2021 als Start der verbindlichen Übermittlung
  • Ein Digitalgesetz-Entwurf des BMG soll KIM zum Standard machen und Fax schrittweise ablösen (KBV-Meldung vom 18. Juni 2026)

Häufige Fragen zu KIM

Kann eine Praxis von KIM aus an normale E-Mail-Adressen senden?

Nein. KIM ist ein geschlossener Dienst; Empfänger müssen selbst eine KIM-Adresse im Verzeichnisdienst haben. Nachrichten an freie E-Mail-Adressen sind nicht vorgesehen, weil sich Identität und Verschlüsselung dort nicht prüfen lassen.

Brauchen alle Ärzte einer Gemeinschaftspraxis eine eigene KIM-Adresse?

Nicht zwingend. Eine Praxis kann mit einer Institutionsadresse arbeiten oder mehrere Postfächer einrichten, etwa je Arzt oder je Funktionsbereich. Die Aufteilung hängt vom Anbietermodell und von der internen Zuständigkeit für den Posteingang ab.

Was passiert mit KIM-Nachrichten bei einem Wechsel des Praxisverwaltungssystems?

Die Nachrichten liegen im KIM-Postfach und in der Ablage des bisherigen Systems. Beim Systemwechsel gehört beides in die Migrationsplanung, damit Verläufe nicht verloren gehen und die Adresse im neuen System weiterhin erreichbar bleibt.

Ist KIM auch für Zahnarztpraxen und Psychotherapeuten nutzbar?

Ja. KIM steht allen Einrichtungen offen, die eine Institutionsidentität der Telematikinfrastruktur besitzen. Dazu zählen neben Arztpraxen auch Zahnarztpraxen, Psychotherapeuten, Apotheken, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen mit TI-Zugang.

Wer haftet, wenn eine KIM-Nachricht nicht ankommt?

Die Verantwortung für den Versand bleibt bei der absendenden Praxis, solange keine Empfangsbestätigung vorliegt. Deshalb ist die Kontrolle der Bestätigungen Teil des Arbeitsablaufs und nicht optional.

Quellen und weiterführende Literatur

  • gematik, Pressemitteilung „Fünf Jahre KIM“ vom 30. Juni 2025 — Nachrichtenvolumen, Teilnehmerzahlen und Transaktionen pro Woche
  • gematik, Fachportal Kommunikation im Medizinwesen — Spezifikation, zugelassene Anbieter und Verzeichnisdienst
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung, Praxisnachricht vom 18. Juni 2026 zum Digitalgesetz-Entwurf und zur Ablösung des Fax
  • gematik, Anwendungsseite KIM — Einordnung der Anwendungsfälle eAU, eArztbrief und Befundübermittlung
  • Branchen-Software — Verzeichnis, Kategorie Praxisverwaltung (PVS), Stand der Prüfung 23. September 2026
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